Einführungsvortrag

"Vorbild Wissenschaftlerin?!"

Veranstaltung des Gleichstellungsbüros, Universität Vechta 

- 16. Mai 2018 -

(C) Christina Plath

Ich möchte nun im Rahmen einer kurzen thematischen Einführung darauf eingehen, aus welchen Gründen die heutige Veranstaltung stattfindet und welche Intention ihr zugrunde liegt.

Ich möchte Sie zunächst bitten, an den Begriff „Wissenschaftler“ zu denken. Welches Bild kommt Ihnen in den Sinn? Welche Verhaltensweisen assoziieren Sie mit dieser Person? Und welche Attribute verbinden Sie mit ihr? 

 

Wenn Ihre individuellen Repräsentationen in erster Linie männliche Personen umfassen, dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. Bestimmte Berufe, Fähigkeiten und Tätigkeiten verbinden die meisten Personen primär mit einem Geschlecht. Diese Verknüpfung erfolgt in den allermeisten Fällen unbewusst und automatisiert, schlägt sich aber in unterschiedlichen geschlechtsbezogenen Verhaltensweisen, Einstellungen, Annahmen und Vorurteilen nieder. Diese Zuschreibungen und damit verbundene Verhaltensweisen, die binär zwischen Frauen und Männern unterscheiden, erlernen wir von klein auf an, sie sind fester Teil unseres Alltags, unserer Kultur, unserer Sprache[1].

 

So wissen wir aus der Forschung, dass die ausschließliche Verwendung des generischen Maskulinums – also die alleinige Verwendung der männlichen Form – Personen, die sich als weiblich verstehen oder die als Frauen oder Mädchen angesprochen werden, eben nicht wie behauptet mit einschließt. Bereits im Kindesalter zeigt sich, dass Berufe je nach geschlechtsbezogener Bezeichnung anders bewertet werden[2]. Mädchen und Jungen sehen bestimmte Berufe dabei eher als für sie ergreifbar an, wenn geschlechtergerechte Bezeichnungen verwendet werden - und eben nicht ausschließliche Berufsbezeichnungen wie beispielsweise Pilot und Kosmetikerin. Vor diesem Hintergrund sind Argumente wie die sprachliche Vereinfachung und die bessere Lesbarkeit von Texten für die ausschließliche Verwendung der männlichen Form kritisch zu hinterfragen – auch wenn sich hierfür immer noch Beispiele etwa in Leitfäden zur Erstellung von Hausarbeiten finden[3].

Warum erzähle ich Ihnen das und inwiefern besteht ein Zusammenhang zur heutigen Veranstaltung? Kehren wir zu Ihren Assoziationen zu Beginn zurück: Empirisch zeigt sich, dass die individuelle Repräsentation von „Professor“ mehrheitlich ebenfalls nicht weiblich ist - selbst dann nicht, wenn Frauen über den Begriff nachdenken und selbst dann nicht, wenn es Frauen denken, die sich auf einer Professur befinden[4]!

 

Es geht also ganz konkret um die Sichtbarmachung von allen Personen innerhalb des wissenschaftlichen Kontexts. Und damit um die Schaffung vermehrter Sichtbarkeit insbesondere von Frauen in der Wissenschaft. Dabei geht es nicht nur um das Sichtbarwerden und das Zuwortkommen, sondern darüber hinaus vor allem auch um das Zuhören und die Anerkennung von Expertise in gerechter und gerechtfertigter Weise. Es geht um das Identifizieren und Aufbrechen von Prozessen und Vorurteilen, die in vielen Bereichen und Momenten nach wie vor zu einer Separierung von Frauen und Expertise, Führungspositionen und Macht führt[5]. Und die auf eine lange, traurige Tradition zurückblicken kann. Die Verzahnung von Rhetorik und Geschlecht sowie die Konnotation von Autorität als traditionell männlich stellen nur zwei geschlechterdiskriminierende Beispiele dar, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen[6]. Diese sind nach wie vor wirksam, auch im wissenschaftlichen Kontext.

 

Vor allem in Bereichen, in denen Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind, ähnelt aufkommender Widerstand  sehr deutlich diesen traditionellen diskriminierenden Begründungsmustern. Sie kennen sicher das Beispiel von Claudia Neumann, die als erste Frau im deutschen Fernsehen eine Champions League -Partie im Männerfußball kommentierte. Als Legitimation für sexistische Beleidigungen und Anfeindungen wurde u.a. ihre Stimme als nicht passend weil „zu weiblich“ und „zu unangenehm“  angeführt. Ebenso wurde ihr ihre sportspezifische Expertise abgesprochen. Mit vergleichbaren Vorwürfen der so bezeichneten „fehlenden Wissenschaftlichkeit“ sehen sich ebenfalls Vertreterinnen der Gender Studies vielfach konfrontiert, um ein weiteres Beispiel der Absprache von Expertise innerhalb des wissenschaftlichen Kontexts anzuführen.  

 

Unser Ziel der Veranstaltung besteht deshalb darin, konkrete Möglichkeiten für eine vermehrte Sichtbarkeit der vielfältigen Karrierewege von Wissenschaftlerinnen zu schaffen. Keinesfalls möchten wir dabei eine Bewertung individueller wissenschaftlicher Karrieren hinsichtlich ihrer Wichtigkeit oder Relevanz vornehmen. Wohl aber wollen wir Herausforderungen, Besonderheiten und auch Problematiken sichtbarmachen, mit denen sich nach wie vor primär Wissenschaftlerinnen konfrontiert sehen. Dazu zählen u.a. Fragen der Vereinbarkeit, die ungleiche Verteilung der Care Arbeit und langfristige, negative Auswirkungen abgebildet im Gender Pension Gap zu Ungunsten von Frauen.  

Im Zuge dessen möchten wir ebenso wenig alternative Erfahrungen aus dem Alltags- und Berufsleben auf individueller Ebene relativieren oder gar negieren, die der eine oder die andere von Ihnen sicher gemacht hat. Uns geht es aber darum, für Veränderungen auf der strukturellen Ebene einzutreten mit dem Ziel eines vermehrten und erweiterten Zugangs in die Wissenschaft. So ist der prozentuale Anteil von Professorinnen an der Universität Vechta mit knapp 45%[7]sicher zu begrüßen. Bei einer differenzierten Betrachtung auf Fächerebene ergeben sich hingegen bereits große Schwankungen hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse. Ebenso können wir die Zusammensetzung von Gremien, Kommissionen und Leitungsfunktionen hinsichtlich ebenjener Verhältnisse betrachten und zu dem begründeten Schluss kommen: es besteht durchaus noch Potenzial der gerechten Sichtbarmachung und Anerkennung sowie der gezielten Förderung unterschiedlicher Karriereverläufe. Nicht zuletzt ist die Universität hier in der Pflicht, ihren eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs bestmöglich auf eine wissenschaftliche und wissenschaftsnahe Karriere auch außerhalb ihrer Tore vorzubereiten. 

 

Last but not least ist es uns ein Anliegen über den eigenen Tellerrand zu schauen: Wir als Universität setzen uns für eine offene, familiengerechte und nachhaltige Hochschule ein, befinden uns mitten im Diversity Auditierungsprozess und fokussieren auf eine zunehmende Internationalisierung. Um all diesen Punkten gerecht zu werden, liegt es ebenfalls in der Pflicht der Universität, strukturelle Ungerechtigkeiten, Probleme und Herausforderungen innerhalb der Gesellschaft anzusprechen und für deren Verringerung einzutreten. 

 

Wir als Veranstalterinnen möchten mit der heutigen Veranstaltung dazu beitragen, Wissenschaftlerinnen als Vorbilder, als Role Models sichtbarer zu machen. Wir laden Sie deshalb herzlich zum gemeinsamen Austausch ein, damit aus dem Fragenzeichen im Titel  dieser Veranstaltung ein Ausrufezeichen werden kann! Vielen Dank!

 

[1]s. Beard, M. (2018). Frauen und Macht. FFM: Fischer. S. 39-40

[2]Vervecken, D. & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy. Social Psychology, 46, 76–92.

[3]https://www.fernuni-hagen.de/imperia/md/content/fakultaetkultur-undsozialwissenschaften/institut-literatur/leitfaden_f%C3%BCr_hausarbeiten_ba_studiengang.pdf[15.05.2018]

[4]s. Beard (2018, S. 57)

[5]s. Beard (2018, S. 40, 72)

[6]s. Beard (2018, S. 29, 38)

[7]Datenquelle: Aktuelle Berechnungen für den Gleichstellungsplan aus dem Referat HP/QE (Stand: 2017)